Diözesan-Caritasverband Münster, 27.03.2009

Die Demenz aus der Tabuzone holen

300.000 Erkrankte in Nordrhein-Westfalen/Caritas will Angebote vernetzen/Pflegeversicherung muss weiter entwickelt werden

Münster (cpm). Es ist die häufigste und folgenreichste psychiatrische Erkrankung im Alter und für die betroffenen Familien in der Regel in höchstem Maße belastend. 300.000 Menschen sind davon allein in Nordrhein-Westfalen betroffen, 1,3 Millionen bundesweit. Und trotzdem ist Demenz immer noch ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Wenn die Versorgung und Betreuung demenzkranker Menschen verbessert werden soll, müssen als erstes "die gesellschaftlichen Barrieren, Hilfen in Anspruch zu nehmen, überwunden werden", forderte Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann. Hilfen gibt es bereits in großer Zahl, wie auf dem Fachtag "Netze schaffen: Menschen mit Demenz - eine gemeinsame Herausforderung für die Caritas" des Diözesancaritasverbandes Münster deutlich wurde. Doch die Zusammenarbeit muss noch verbessert werden. Die Voraussetzungen dazu sieht Kessmann als besonders günstig an, weil das Hilfesystem der Caritas schon "hier dichter ist als in vielen anderen Gebieten der Bundesrepublik". Diese Chancen gelte es zu nutzen.

Als Zeichen für ein bereits wachsendes Verständnis wertete Kessmann erste Verbesserungen in der Pflegeversicherung, die im vergangenen Jahr beschlossen worden seien. Auch die derzeit diskutierten Vorschläge zur Ausweitung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs gingen in die richtige Richtung. Immer deutlicher würden dabei allerdings die Grenzen der Finanzierung der Pflegeversicherung. Hier müsse eine politische Lösung gefunden werden.

Denn die Begleitung und Betreuung demenzkranker Menschen braucht Zeit, wie mehrere Referenten auf dem Fachtag deutlich machten. "Ich kann nicht wie ein D-zug an ihnen vorbeilaufen", erklärte Christine Riesner, Pflegewissenschaftlerin an der Uni Witten-Herdecke zur ambulanten Pflege, die für jede Leistung aufgrund der finanziellen Rahmenbedingungen in ein knappes Minuten-Schema gepresst sei. Bei Demenz gehen die funktionalen Fähigkeiten verloren, erklärte Prof. Dr.   Hans Georg Nehen, Chefarzt der Geriatrie am Elisabeth-Krankenhaus in Essen. Sie lebten in einer emotionalen Welt. Mit Vernunft und Logik seien sie deshalb nicht erreichbar, könnten sich nur Missverständnisse zu Streit hochschaukeln. Rein funktionale Pflege könne deshalb auch nicht funktionieren.

Um das Ziel, einen lebenswerten Alltag sowohl für die Demenzkranken als auch ihre Angehörigen zu erreichen, ist zunächst Verständnis und Information notwendig. "Wir dürfen den Erkrankten nicht als Bündel von Defiziten sehen", forderte Christa Hartmann, Referentin für Altenhilfe und Gesundheitswesen. Zu erreichen sei dies nur, wenn man in seine Lebenswelt eintauche und ihm mit Wertschätzung begegne. Dafür plädierte auch Schwester Mechthild Driesch, Diözesanreferentin für Altenheimseelsorge im Bistum Essen. Beziehungen und Kontakt seien "das wichtigste Medikament" für den Demenzkranken. In diesem Sinne sollten auch die Seelsorger Begleiter sein.

Die Hauptlast tragen allerdings nach wie vor die pflegenden Angehörigen. Gerade sie müssten durch ein Netzwerk der Hilfen gestärkt werden. Drei Viertel aller Demenzkranken lebt in der Familie und wird dort versorgt. Hier mangelt es noch an Information über die Möglichkeiten an Unterstützung und werde Hilfe häufig aus Scham nicht angenommen, so Diözesancaritasdirektor Kessmann.

Die Tagung zeigte ein breites Spektrum an Unterstützungsangeboten auf. Heilbar ist Demenz nicht, wie Prof. Nehen betonte, aber die Symptome könnten durch Medikamente gelindert werden. Als sehr erfolgreich erweist sich auch ein Projekt des Franziskus-Hospitals in Münster, das mit dem Gesundheitspreis des Landes Nordhrhein-Westfalen ausgezeichnet worden ist. Alte Menschen liefen nach einer Operation ein hohes Risiko, anschließend pflegebedürftig zu werden, auch wenn der Eingriff geringfügig und erfolgreich war. Jetzt werden sie von der Aufnahme bis zur Entlassung von einer Altenpflegerin begleitet. Das Pflegerisiko ist drastisch gesunken und die Verweildauer der Patienten ebenso.

Weitere Aspekte zeigte der Fachtag auf: Beispielsweise ist ein gutes Schmerzmanagement erforderlich sowohl in der ambulanten wie der stationären Pflege, weil viele Demenzkranke ihre Schmerzsymptome nicht mehr richtig einordnen und beschreiben können. Ehrenamtliche Seniorenbegleiter können Angehörige zeitweise entlasten. Die aber müssen geschult und weiterhin von hauptamtlichen Mitarbeitern begleitet werden. Insbesondere müssen alle Beteiligten Kontakt halten und gemeinsam daran arbeiten, für die Demenzkranken"einen lebenswerten Lebensalltag zu gestalten", wie Christine Riesner das Ziel beschrieb.

 

34/2009             27. März 2009

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