Die Demenz aus der Tabuzone holen
300.000 Erkrankte in Nordrhein-Westfalen/Caritas will Angebote vernetzen/Pflegeversicherung muss weiter entwickelt werden
Münster (cpm).
Es ist die häufigste und
folgenreichste psychiatrische Erkrankung im Alter und für die betroffenen
Familien in der Regel in höchstem Maße belastend. 300.000 Menschen sind davon
allein in Nordrhein-Westfalen betroffen, 1,3 Millionen bundesweit. Und trotzdem
ist Demenz immer noch ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Wenn die Versorgung
und Betreuung demenzkranker Menschen verbessert werden soll, müssen als erstes
"die gesellschaftlichen Barrieren, Hilfen in Anspruch zu nehmen,
überwunden werden", forderte Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann.
Hilfen gibt es bereits in großer Zahl, wie auf dem Fachtag "Netze
schaffen: Menschen mit Demenz - eine gemeinsame Herausforderung für die
Caritas" des Diözesancaritasverbandes Münster deutlich wurde. Doch die
Zusammenarbeit muss noch verbessert werden. Die Voraussetzungen dazu sieht
Kessmann als besonders günstig an, weil das Hilfesystem der Caritas schon
"hier dichter ist als in vielen anderen Gebieten der Bundesrepublik".
Diese Chancen gelte es zu nutzen.
Als Zeichen für ein bereits wachsendes Verständnis
wertete Kessmann erste Verbesserungen in der Pflegeversicherung, die im
vergangenen Jahr beschlossen worden seien. Auch die derzeit diskutierten
Vorschläge zur Ausweitung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs gingen in die
richtige Richtung. Immer deutlicher würden dabei allerdings die Grenzen der
Finanzierung der Pflegeversicherung. Hier müsse eine politische Lösung gefunden
werden.
Denn die Begleitung und Betreuung demenzkranker
Menschen braucht Zeit, wie mehrere Referenten auf dem Fachtag deutlich machten.
"Ich kann nicht wie ein D-zug an ihnen vorbeilaufen", erklärte
Christine Riesner, Pflegewissenschaftlerin an der Uni Witten-Herdecke zur
ambulanten Pflege, die für jede Leistung aufgrund der finanziellen
Rahmenbedingungen in ein knappes Minuten-Schema gepresst sei. Bei Demenz gehen
die funktionalen Fähigkeiten verloren, erklärte Prof. Dr.
Hans Georg Nehen, Chefarzt der Geriatrie am
Elisabeth-Krankenhaus in Essen. Sie lebten in einer emotionalen Welt. Mit
Vernunft und Logik seien sie deshalb nicht erreichbar, könnten sich nur
Missverständnisse zu Streit hochschaukeln. Rein funktionale Pflege könne
deshalb auch nicht funktionieren.
Um das Ziel, einen lebenswerten Alltag sowohl für die
Demenzkranken als auch ihre Angehörigen zu erreichen, ist zunächst Verständnis
und Information notwendig. "Wir dürfen den Erkrankten nicht als Bündel von
Defiziten sehen", forderte Christa Hartmann, Referentin für Altenhilfe und
Gesundheitswesen. Zu erreichen sei dies nur, wenn man in seine Lebenswelt eintauche
und ihm mit Wertschätzung begegne. Dafür plädierte auch Schwester Mechthild
Driesch, Diözesanreferentin für Altenheimseelsorge im Bistum Essen. Beziehungen
und Kontakt seien "das wichtigste Medikament" für den Demenzkranken.
In diesem Sinne sollten auch die Seelsorger Begleiter sein.
Die Hauptlast tragen allerdings nach wie vor die
pflegenden Angehörigen. Gerade sie müssten durch ein Netzwerk der Hilfen
gestärkt werden. Drei Viertel aller Demenzkranken lebt in der Familie und wird
dort versorgt. Hier mangelt es noch an Information über die Möglichkeiten an
Unterstützung und werde Hilfe häufig aus Scham nicht angenommen, so
Diözesancaritasdirektor Kessmann.
Die Tagung zeigte ein breites Spektrum an
Unterstützungsangeboten auf. Heilbar ist Demenz nicht, wie Prof. Nehen betonte,
aber die Symptome könnten durch Medikamente gelindert werden. Als sehr
erfolgreich erweist sich auch ein Projekt des Franziskus-Hospitals in Münster,
das mit dem Gesundheitspreis des Landes Nordhrhein-Westfalen ausgezeichnet worden
ist. Alte Menschen liefen nach einer Operation ein hohes Risiko, anschließend
pflegebedürftig zu werden, auch wenn der Eingriff geringfügig und erfolgreich
war. Jetzt werden sie von der Aufnahme bis zur Entlassung von einer
Altenpflegerin begleitet. Das Pflegerisiko ist drastisch gesunken und die
Verweildauer der Patienten ebenso.
Weitere Aspekte zeigte der Fachtag auf:
Beispielsweise ist ein gutes Schmerzmanagement erforderlich sowohl in der
ambulanten wie der stationären Pflege, weil viele Demenzkranke ihre
Schmerzsymptome nicht mehr richtig einordnen und beschreiben können.
Ehrenamtliche Seniorenbegleiter können Angehörige zeitweise entlasten. Die aber
müssen geschult und weiterhin von hauptamtlichen Mitarbeitern begleitet werden.
Insbesondere müssen alle Beteiligten Kontakt halten und gemeinsam daran
arbeiten, für die Demenzkranken"einen lebenswerten Lebensalltag zu
gestalten", wie Christine Riesner das Ziel beschrieb.
34/2009 27. März 2009
