Impuls

Nacht im Hospiz

Das Foto zeigt eine Klaviertastatur in Nahaufnahme.

Es ist Herr B., unheilbar an einem Tumor erkrankt. Wir mögen in ähnlichem Alter sein. Auf seinem Instrument, einem E-Piano, das auf dem Bett liegt, sind Noten, Lieder von ABBA. Oben auf sehe ich den Song "The Winner Takes It All". Ein Lied voller Melancholie, das von Sieg und Abschied, von Liebe, Schicksal und Wortlosigkeit weiß. Der Rhythmus in der Klavierstimme ist schwer, versetzt, unbequem. Ich frage, ob ich es einmal versuchen dürfe. Es klappt auf wackeliger Tastatur. Dazu seine suchende Stimme, die von Verlust singt. Wo ich kann, singe ich mit, Bruchstücke. Wir brauchen keine anderen Worte mehr. "I don't want to talk about the things we've gone through".

Viel steht geschrieben zur Sterbebegleitung. Was aber mag die wichtigste Aufgabe sein? Vielleicht die, nicht wegzugehen, sondern zu bleiben, zu hören, ja, und manchmal auch inmitten der Nacht zu singen.

Was trägt, ist die Liebe zu den Menschen und ihrem Schicksal. Und diese Liebe empfängt, so wie sie gibt. Hilde Domin spricht in ihrem Gedicht "Unterricht" davon, dass wir von den Sterbenden lernen können. Ein ganz ungewohnter Gedanke. Ich habe gelernt von der Fragilität des Lebens und dem Geschehenlassen, von der Kraft der Versöhnung und den Mut, den es oftmals braucht. Und dass da, wo Frieden ist, die Weisheit der Stille lebt, auch im Sterben.

Andreas Stähli
Johannes-Hospiz, Münster
www.akademie-johannes-hospiz.de

 

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